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der Freitag am 10.06.2021 11:45:23

Corona hat den Krieg gegen Frauen entfesselt

Zusammenfassung: ... Covid-19 hat eine weltweite Explosion der Gewalt gegen Frauen und einen Frontalangriff auf ihre Rechte mit sich gebracht Corona hat die schwersten Rückschläge für die Befreiung der Frau ausgelöst, die ich in meinem Leben erlebt habe. Während ich diese Entwicklung beobachtete, kam mir der Gedanke, dass wir gerade Zeuge eines Phänomens werden, dass man Katastrophen-Patriarchat nennen könnte.Naomi Klein hat den Begriff „Desaster-Kapitalismus“ oder „Katastrophen-Kapitalismus“ geprägt. Gemeint ist ein Szenario, in dem Kapitalisten eine Katastrophe zur Profitmaximierung nutzen, indem sie Maßnahmen umzusetzen, mit denen sie unter normalen Umständen niemals durchkommen würden. Das Katastrophen-Patriarchat ist ein paralleler und komplementärer Prozess, bei dem Männer eine Krise ausnutzen, um ihre Kontrolle und Vorherrschaft zu bekräftigen und hart erkämpfte Frauenrechte wieder zunichte zu machen. Überall auf der Welt hat das Patriarchat das Virus ausgenutzt, um Macht zurückzugewinnen. Einerseits verstärkte das Patriarchat die Gewalt gegen Frauen, andererseits trat es als Kontrolleur und angeblicher Beschützer auf.Monatelang habe ich Aktivist:innen und Anführer:innen von Graswurzelbewegungen auf der ganzen Welt interviewt, von Kenia über Frankreich bis Indien, um herauszufinden, welche Auswirkungen dieser Prozess auf sie hat und wie sie dagegen ankämpfen. In ganz verschiedenen Kontexten kamen immer wieder fünf Hauptaspekte zur Sprache: Im Katastrophen-Patriarchat verlieren Frauen ihre Sicherheit, ihre wirtschaftliche Macht, ihre Autonomie, ihre Bildung – und sie werden ungeschützt an die Front geschickt. Das heißt, man ist bereit, sie zu opfern.Das Zuhause als FolterkammerEin Teil von mir zögert, den Begriff „Patriarchat“ zu verwenden, weil er manche Menschen verwirrt und andere ihn als archaisch empfinden. Ich versuchte daher mir einen neueren, zeitgemäßen Ausdruck dafür auszudenken. Aber ich beobachte auch, dass wir ständig die Sprache ändern, unsere Beschreibungen aktualisieren und modernisieren, um dem Schrecken des Augenblicks zu begegnen. Ich denke dabei etwa an die vielen Bezeichnungen dafür, dass Frauen von ihrem Partner geschlagen werden. Zuerst war es Körperverletzung, dann häusliche Gewalt, dann intime Partnergewalt und in letzter Zeit Intimterrorismus. Wir machen uns immer wieder die mühsame Arbeit des Differenzierens und Beleuchtens, anstatt uns darauf zu konzentrieren, dass die Patriarchen verstärkt ein System ausbauen, das den Planeten zerstört. Daher bleibe ich bei dem Wort.Im Laufe der verheerenden Corona-Pandemie haben wir eine Explosion der Gewalt gegen Frauen erlebt, unabhängig davon, ob die Frauen cisgender oder transgender sind. Intimterrorismus hat im Lockdown das Zuhause für Millionen von Frauen in eine Art Folterkammer verwandelt. Seit der Lockdown die Welt ins Internet drängte, ist auch die stärkere Verbreitung von Rache-Pornos zu beobachten. Ein solcher digitaler sexueller Missbrauch ist zu einem zentralen Bestandteil häuslicher Gewalt geworden, da Intimpartner damit drohen, sexuell eindeutige Bilder ohne die Zustimmung der Opfer zu teilen. Die Bedingungen des Lockdowns – Enge, wirtschaftliche Unsicherheit, Angst vor Krankheit, Alkoholexzesse – waren ein idealer Rahmen für Missbrauch. Es ist schwer zu sagen, was beunruhigender ist: die Tatsache, dass sich im Jahr 2021 immer noch Tausende Männer bereit und berechtigt dazu fühlen, ihre Frauen, Freundinnen und Kinder zu beherrschen, zu quälen und zu schlagen, oder dass keine Regierung bei ihrer Lockdown-Planung an dieses Problem gedacht zu haben scheint.Seit dem Lockdown werden in Peru hunderte Frauen und Mädchen vermisst. Es wird befürchtet, dass sie tot sind. Laut offiziellen Zahlen, über die Al Jazeera berichtete, verschwanden zwischen dem 16. März und dem 30. Juni vergangenen Jahres 606 Mädchen und 309 Frauen. Weltweit hat die Schließung von Schulen verschiedene Formen von Gewalt verstärkt. Laut dem US-amerikanischen Rape Abuse and Incest National Network war die Hotline für Opfer sexueller Angriffe in ihrer 26-jährigen Geschichte noch nie so gefragt, da Kinder während des Lockdowns mit Missbrauchstätern eingeschlossen waren, ohne die Möglichkeit, Lehrer oder Freunde zu alarmieren. In Italien stiegen die Anrufe bei der nationalen Anti-Gewalt-Hotline zwischen dem 1. März und dem 16. April 2020 um 73 Prozent, berichtete die Aktivistin Luisa Rizzitelli. In Mexiko erhielten die Notrufmitarbeiter:innen die höchste Anzahl von Anrufen in der Geschichte des Landes, während sich die Zahl der Frauen, die Zufluchtsorte für Opfer häuslicher Gewalt aufsuchten, vervierfachte.Um noch einen Skandal draufzusetzen: Viele Regierungen kürzten die Finanzierung für Frauenhäuser genau dann, als sie am meisten gebraucht wurden. Das scheint in ganz Europa der Fall zu sein. In Großbritannien berichteten Frauenhaus-Betreiber gegenüber der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die Corona-Krise habe den mangelnden Zugang zu Hilfsangeboten für Migrantinnen und Frauen der ethnischen Minderheiten weiter verschärft. Laut Organisationen, die mit diesen Gruppen arbeiten, haben sie „aus der Distanz“ noch größere Schwierigkeiten: Die anhaltende Ungleichheit erschwert den Zugang zu Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheitsversorgung und Katastrophenhilfe.Frauen verloren ihre Jobs, oder blieben „an der Front“Allein in den USA gingen zwischen dem Beginn der Pandemie und November 2020 Jobs von mehr als fünf Millionen Frauen verloren. Weil ein Großteil der Frauenarbeit physischen Kontakt mit der Öffentlichkeit erfordert – Restaurants, Läden, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung – gehörten ihre Arbeitsplätze zu den ersten, die wegfielen. Diejenigen, die ihre Jobs behalten konnten, waren oft Frontarbeiterinnen mit riskanten Jobs: Etwa 77 Prozent der Krankenhausangestellten und 74 Prozent des Schulpersonals in den USA sind Frauen. Zudem machte es das Fehlen von Kinderbetreuung für viele Frauen unmöglich, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Auf Männer haben Kinder nicht die gleiche Auswirkung. Die Arbeitslosenquote unter Schwarzen und Latino-Frauen war vor dem Virus schon höher als der Durchschnitt, jetzt sieht es sogar noch schlechter aus.Für Frauen in anderen Teilen der Welt ist die Lage noch schwieriger. Die führende indische Frauenaktivistin Shabnam Hashmi berichtete mir, dass dort bis April 2020 schockierende 39,5 Prozent der Frauen ihren Job verloren hatten. „Von zu Hause aus zu arbeiten ist für Frauen sehr anstrengend, da ihre persönlicher Distanz verschwindet und sich die Arbeitslast verdreifacht“, erklärte Hashmi. Auch in Italien hat sich die bestehende Ungleichheit durch die Gesundheitskrise weiter verschärft. Rizzitelli weist darauf hin, dass Frauen bereits in normalen Zeiten schlechter Arbeit finden, weniger verdienen, häufiger prekäre Arbeitsverträge annehmen müssen und selten in „sicheren“ Unternehmenspositionen angestellt sind. Sie gehörten daher zu den ersten, die unter den Auswirkungen der Krise litten. „Bereits bestehende wirtschaftliche, soziale, ethnische und geschlechtsspezifische Ungleichheiten wurden noch verstärkt, und all dies könnte längerfristige Folgen haben als das Virus selbst“, sagt Rizzitelli.Wenn Frauen unter größeren finanziellen Druck geraten, schwinden ihre Rechte schnell. Mit der durch Corona ausgelösten Wirtschaftskrise haben Sex- und Arbeitshandel wieder zugenommen. Ein Beispiel dafür sind junge Frauen, die Schwierigkeiten haben, die Miete zu bezahlen und dann von Vermietern sexuell erpresst werden.Das Maß an Erschöpfung, Anspannung und Angst, an dem Frauen leiden, die Familien ohne Pause oder Zeit für sich selbst versorgen, lässt sich kaum übertreiben. Es ist eine subtile Form des Wahnsinns. Aber wer kümmert sich um die Frauen, während sich Frauen um die Kranken, die Bedürftigen und die Sterbenden kümmern? Die führende Aktivistin Colani Hlatjwako aus Eswatini, dem früheren Swasiland, fasst es so zusammen: „Gesellschaftsnormen, die Frauen und Mädchen eine schwere Versorgungslast auferlegen, wirken sich vermutlich weiter negativ auf ihre physische und mentale Gesundheit aus.“ Diese Strukturen behindern zudem den Zugang zu Bildung, zerstören Lebensgrundlagen und reduzier ...

Schlagwörter: Menschenrechtsorganisation, Katastrophen-Kapitalismus, Katastrophen-Patriarchat, Notrufmitarbeiter:innen, Krankenhausangestellten


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